Impulse zum Kirchenjahr

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Buß-und Bettag - Die Büßerzelle bleibt leer

Mancher  Gottesdienstbesucher in der Deutschhauskirche hat sich wohl schon gefragt, was das kleine, verglaste Spitzbogenfenster auf der linken Seite des Langhauses zu bedeuten hat.  Die Lösung liegt nicht unbedingt auf der Hand: Der teilweise gewölbte Raum, der gerade für eine Person Platz bietet, diente zur Zeit des Deutschen Ordens als Büßerzelle. Deutschordensritter, die wegen einer Verfehlung vom Gottesdienst ausgeschlossen waren, aber dennoch täglich die Messe zu besuchen hatten, konnten hier als „Zaungäste“ auf den Altar blicken.

Büßerzelle Deutschhauskirche

Buße als Lebensprinzip bei Luther

Die Zeiten, in denen Gläubige in Büßerzellen dem Gottesdienst beiwohnen mussten, sind vorbei.  Das Phänomen der Buße hat hingegen nichts von seiner Bedeutung verloren. Es steht am Beginn der Reformation, denn die erste der 95 Thesen Martin Luthers von 1517 lautet in der deutschen Übersetzung:

“Unser Herr und Lehrer Jesus Christus wollte, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei, indem er sagte: Tut Buße.”

Unter „Buße“ versteht der Reformator nicht nur einen einmaligen oder temporären Vorgang etwa bei der Beichte, sondern die permanente Überprüfung des eigenen Lebens und dessen Ausrichtung an den Vorgaben des Evangeliums. „Buße“ lässt sich also als dynamisierender und stimulierender Universalvorgang beschreiben, der im Gegensatz zur heute üblichen, negativen Interpretation nicht bei Strafen stehenbleibt. Die Buße besitzt Prozesscharakter und verändert den Menschen positiv, den sie mit Christus versöhnt und dadurch erlöst. Ohne den Glauben ist allerdings auch keine wahre Buße möglich.

Der Buß- und Bettag als Chance der Rückbesinnung auf die Buße

Wenn man diese positive Interpretation der Buße als Vorgang der permanenten Selbstreflexion und Neuausrichtung teilt, entpuppt sich der Buß- und Bettag als treffliche Gelegenheit der Neu-Positionierung. Kurz vor dem Ende des Kirchenjahres und dem Beginn der Adventszeit eröffnet der aus finanztechnischen Gründen abgeschaffte Feiertag die Möglichkeit der kritischen Hinterfragung des eigenen Status quo. Dieses Angebot sollten wir dankbar nutzen. Die Büßerzelle bleibt aber leer: Jeder Christ und jede Christin ist zur Buße aufgerufen.

Stefan Römmelt

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Reformationstag

Freiheit im Mainviertel- Was Leonhard Frank und Martin Luther verbindet und was sie trennt

Stefan W. Römmelt

Was haben der am 18. August 1961, vor 50 Jahren verstorbene Schriftsteller Leonhard Frank und Martin Luther gemeinsam? Auf den ersten Blick – nichts.

Verlassen wir doch einmal die Deutschhauskirche, gehen ein paar Schritte Richtung Würzburger Innenstadt und schauen ums Eck. Wir sehen ein „junges“, rechteckiges Monument aus schwarzem Metall: Seit 1991 erinnert eine von Renate Jung entworfene und vom Verschönerungsverein Würzburg gestiftete Gedenktafel an den 1882 geborenen Frank. Das Elternhaus des Pazifisten auf dem Anwesen Zeller Straße 34 wurde bereits 1904 abgerissen. Im Zentrum der Romane, Erzählungen und Dramen des Erfolgsautors der 1920er Jahre und des im Nachkriegs-Würzburg ungeliebten, erst spät gewürdigten „Sozialisten“ stehen Freiheit und Liebe.

Frank-Gedenktafel von Renate Jung 1991 Foto: Ev. Pfarramt

Freiheit und Liebe bilden auch das Herz des Protestantismus. Keine Schrift Martin Luthers verdeutlicht  dies so sehr wie „De libertate Christiana / Von der Freiheit eines Christenmenschen“ aus dem Jahr 1520.

Schon zu Beginn konfrontiert Luther, der sich auf Paulus beruft, den Leser mit der –  paradoxen – Wendung “Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge  und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan”.

Das Spannungsfeld, in dem sich jeder Christ bewegt, ist damit klar umrissen: Einerseits hat Christus den Menschen von den Bindungen des Gesetzes spirituell befreit. Andererseits stößt die Freiheit des Menschen an die Grenzen des Leibes und der menschlichen Natur. Allein der Glaube garantiert die Freiheit des Christen: “er vereinigt auch die Seele mit Christus wie eine Braut mit ihrem Bräutigam”.

Luther-Porträt von Lucas Cranach d. Ä. 1520

Die Frage nach der Freiheit bestimmt auch Franks im Mainviertel spielenden Roman „Die Räuberbande“, der den Autor mit einem Schlag berühmt machte. Franks 1914 veröffentlichtes Erstlingswerk erzählt die Geschichte einer Clique von zwölf Würzburger Jugendlichen.

Die Mitglieder der Bande suchen mit Zerstörungsphantasien und Auswanderungsplänen der von Bigotterie geprägten dumpfen Stadt und der Enge ihres kleinbürgerlichen Alltags zu entfliehen. Letztlich gelingt es den Jungen nicht, ihrem Milieu zu entkommen – sie arrangieren sich mit ihren beschränkten Möglichkeiten und bauen sich ein kleines Glück auf. Allein Michael Vierkant, das Alter Ego Franks, verlässt Würzburg und geht nach München, scheitert aber kurz vor seinem künstlerischen Durchbruch.

Foto: Titelblatt „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ Wittenberg 1520

Frank und Luther verbindet das Bewusstsein der Grenzen der Freiheit. Was sie trennt, ist deren Wahrnehmung und individuelle Gestaltung:

Frank, für dessen Biographie das Schreiben den entscheidenden Akt der Befreiung aus der Würzburger Enge bedeutete, setzt der Realisierbarkeit von Freiheit im Mainviertel und anderswo enge, wenn auch geordnete Grenzen.

Luther hingegen beschreibt am Ende seiner Schrift eine große kosmische Vision und prophezeit die Erlösung des Christen durch die Kraft der Nächstenliebe und die allein rechtfertigende Macht des Glaubens auf der Basis der wahren, „geistlichen Freiheit“, indem er das Wort Jesu aus dem Johannesevangelium zitiert: “Ihr werdet noch sehen den Himmel offen stehen”.

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